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Umarmungen zum Abschied und Tränen

Peter Pan-Schaaf hat mit einigen Helfern in Altenahr bei den Aufräumarbeiten mitgewirkt und seine Erlebnisse auf beindruckende Art und Weise niedergeschrieben. Peters ergreifende und zugleich mahnende Worte dürfen wir hier veröffentlichen. Wir danken Dir sehr für Deine Erzählung Peter, weil sie uns daran erinnert, dass unsere menschliche Macht begrenzt ist und es stärkere Kräfte gibt, denen wir uns stellen müssen:



„Leere Augen begrüßten uns als wir in Altenahr ankamen. Von unserem Startpunkt bis zum Einsatzort liefen wir gute drei Kilometer, drei Kilometer, die es uns unmöglich machten den Mund zu schließen. Geöffnet vor Schreck und Unglauben, Schweigen aus lauter Trauer, feuchte Augen bei einem Anblick, der uns nur aus Filmen bekannt war. Wir trugen unser Werkzeug wie Waffen, mit der Absicht, die Hinterlassenschaft eines wütenden Feindes zu beseitigen, eines Feindes, den wir selber aufgerüstet haben, weil wir nicht an seine Überlegenheit glaubten. Das Wasser, die Essenz des Lebens wurde durch unsere Ignoranz zum Werkzeug des Todes.


Wir durchquerten die Gebirge der Trümmerschwemme, die durch die Fluten unerbittlich voran getrieben wurden um jedes Hinderniss einzureißen und der Todeswelle einzuverleiben. Eisenbahnschienen, die uns bequem von hier nach da bringen sollten säumten den Rand der Trümmerwüste, verdreht wie ein Pfeifenreiniger, der zum Spielzeug eines wütenden Kindes geworden war. Viele Menschen begegneten uns auf diesem staubigen Weg, riesige Maschinen verrichteten den Dienst, den die Natur uns in ihrer Wut auferlegt hatte und räumten die klebrige Masse aus Schlamm, Trümmern und Tränen beiseite, um einen Weg zu schaffen, der uns in die Normalität zurückführen soll.


Eine Brücke, gedacht als Verbindung der Menschen über ein säuselndes Gewässer dessen Schönheit uns so oft berührte, ragte bizarr deformiert aus dem in sein Bett zurückgekehrten Fluss. Die mächtige Stahlkonstruktion hatte der rasenden Wut nichts entgegenzusetzen und gab den Kampf nach kurzem, hoffnungslosen, Widerstand auf. Die Streben aus dem Stahl, der uns einst so stolz machte, ragten wie mahnende Finger in alle Himmelsrichtungen als wollten sie uns zeigen: "Egal wohin ihr geht, es kann euch überall treffen!". Unsere trügerische Sicherheit ist dahin, fliehen können wir nicht mehr, wir waren gründlich und haben uns keinen Fluchtweg gelassen. Wir erreichten unseren Einsatzort, ein Haus in einer Nebenstraße. Einst ein Hort für eine Familie, eine Oase des Friedens und der Entspannung, ein Zuhause. Vor wenigen Tagen noch konnte man aus den Fenstern der ersten Etage das glitzern des Flusses im Sonnenlicht beobachten, um nach den Mühen des Tages durchzuatmen. Niemand rechnete damit, dass es nun umgekehrt war. Nicht wir gingen zum Fluss, er kam zu uns, bis zu dem Fenster aus dem wir ihn, aus mutmaßlich sicherer Entfernung, beobachteten. Doch der Mensch findet auch in der größten Hoffnungslosigkeit den Faden, der die Hoffnung erneut zusammenhalten kann. Viele fleißige Hände, die nichts verloren hatten, ergriffen diesen Faden gemeinsam mit den Menschen die alles untergehen lassen mussten, und begannen, aus sich selber heraus, gemeinsam ein Geflecht der Hoffnung zu weben, das mit jeder Hand die anfasst ein Stück größer wird.


Ein leichtes Glitzern in den Augen der vorher Hoffnungslosen sollte die überreiche Belohnung sein, die wir erhalten sollten. Der stinkende Schlammatem unserer Ignoranz wurde Stück für Stück beseitigt ohne die Möglichkeit einer Wiederholung dieser Katastrophe zu verdrängen.


Das Hochzeitsgeschirr, das den Aussteuerschrank vor über 50 Jahren verlassen hat wurde mit Zärtlichkeit von dem erhärtetem Schlamm befreit und ordentlich zwischen den Hügeln des Chaos drapiert als wollte man hinausrufen: „Natur, ich habe Deine Warnung verstanden und Deine Macht gespürt, jedoch möchte ich es erneut versuchen, diesmal aber mit Dir gemeinsam. Bitte gib mir die Möglichkeit Dir meine Einsicht zu beweisen…. Nimm mir diese Hoffnung nicht.“


Als wir den Ort der Hoffnungslosigkeit verließen lag ein Keim Zuversicht in der Luft, und die Dankbarkeit inmitten der Zerstörung war heller als die Dunkelheit der Verzweiflung. Die saubere Suppenschüssel als Mahnmal der Menschlichkeit strahlte für uns alle gleich einem Leuchtturm in der Nacht. Die leere der Augen begann sich mit Leben zu füllen, Leben das nicht untergehen möchte. Umarmungen zum Abschied und Tränen der Freude knüpften Bande die bis zum Schluss in unser aller Herzen strahlen werden als Zeichen: Wir sind füreinander da und geben nicht auf!

Gemeinsamkeit ist eine Eigenschaft die über Nationalität, Sprache und Religion hinausgeht, dessen bin ich seit gestern überzeugt. Lasst uns die Natur in diese Gemeinschaft mit aufnehmen, ohne sie in unseren Reihen ist das Leben ein Kampf, den wir nicht gewinnen können. Sie weiß das… wissen wir das auch?


Es ist nicht die Frage einer Koexistenz, es ist eine Frage der Existenz…. Nicht für die Natur, nur für uns.


Ich werde wiederkommen, für die Menschen und für die Natur. Bitte kommt alle helfen, wir brauchen uns.


Danke an alle Helfer.“

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